Alles ich oder was?

Die Bahn kommt pünktlich. Es ist bitter kalt und ich will nichts sehnlicher, als nach Hause in meine warme Wohnung. Will mir einen heißen Tee machen, die warmen Fellpuschen anziehen und bei Kerzenschein und ruhiger Musik den Abend ausklingen lassen. Ich sitze da und beobachte die anderen Fahrgäste. So unterschiedliche Menschen, so unterschiedliche Schicksale. Eine Frau hat eine Flasche Bier in der Hand und lächelt unauffällig zwei lauten Männern mit osteuropäischem Akzent zu. Laut, aber harmlos, das hat die Frau zielsicher erkannt. Ein anderer ist sehr groß, mit Dreadlocks und einer Gitarre um die Schulter gehängt, ein weiterer liest in einem Buch.

An der nächsten Station kommt ein Flötenspieler herein und fängt sogleich an zu spielen. Ich überlege, ob ich ihm etwas gebe, tue es aber nicht, weil er sehr hektisch und aufgeregt spielt, was mich stresst, vor allem wegen der lauten, piepsigen Töne. Spontan erinnert mich diese U-Bahnfahrt an Traumszenen und so mache ich dann auch gleich einen Realitycheck, um die Realität zu überprüfen. Fünf Finger, auch beim zweiten Durchzählen – also kein Traum. Ich spinne den Gedanken weiter. Was, wenn unsere Wachrealität denselben Gesetzen folgt, wie unsere Traumrealität? Was wenn auch im Wachleben jeder Mensch, dem wir begegnen, ein Repräsentant von uns selbst ist? Im Traum ist es so. Alle Menschen denen wir dort begegnen, sind Repräsentanten unseres Selbst, weshalb es ratsam ist, gut zu den Traumfiguren zu sein, denn wer ist schon gern unfreundlich oder gar gemein zu sich selbst?

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Ich lasse mich von dieser Idee leiten. Auf einmal bekommt alles eine andere Gewichtung. Ich sollte dem Flötenspieler etwas geben, denn er repräsentiert den Teil von mir, der durchs eiskalte Berlin zieht und sich mit Flötenspielen ein paar Euro verdient. Noch bevor ich den Gedanken zu Ende spinne, hält die Bahn an und er steigt aus. Ich schaue mir die anderen Fahrgäste jetzt genauer an und versuche mich selbst in ihnen zu erkennen. Ich sehe mich als Frau, die ein Bier trinkt und vor sich hin lächelt, eine andere Repräsentation von mir, ebenfalls weiblich, schaut schlecht gelaunt in die Runde. Ein älteres Parallel-Ich sitzt mit seiner Frau mir gegenüber und ahnt nicht, dass ich sie durchschaut habe. Ich lächle zu ihnen rüber und sie lächeln zurück. Jetzt muss auch ich aussteigen. Ich wünsche den beiden noch einen schönen Abend und verlasse mein Rudel Ichs, das Traumfigurenkabinett, welches verschiedene Sprachen spricht und viele Gesichter hat. Bin das alles ich? Aber wenn dem so ist, warum kann ich dann nicht in deren Bewusstsein wechseln, um zu erleben und zu fühlen, wie es ist, der Flötenspieler oder die Frau mit der Bierflasche zu sein?

Jetzt denke ich ans Klarträumen zurück. Ist es da anders? Nein. Obwohl jede Traumfigur eine Repräsentation meines Ichs, also eine Projektion meines Unterbewusstseins, ist, nehme ich im Klartraum vom Bewusstsein her nicht deren Position ein. Ich könnte das vermutlich, aber im Normalfall behalte ich die Ich-Position bei, die ich auch im Wachleben einnehme.

Mir wird in diesem Moment klar, wie anders ich mich verhalten würde, wenn ich davon ausgehen würde, dass alle Menschen, denen ich begegne, eine parallele Repräsentation meiner selbst sind. Ich würde den Armen Geld geben, den Gestrauchelten auf die Beine helfen, die Fieslinge zurecht weisen und den enttäuschten Liebenden all mein Mitgefühl schenken. Ich wäre voller Liebe, Achtsamkeit und Verantwortungsgefühl für meine Mitmenschen und würde es niemals zulassen, dass es auch nur einem schlecht ergeht, denn das würde ja bedeuten, dass es mir selbst schlecht geht.

Eine im Grunde genommen völlig egoistische Geisteshaltung würde mich alles andere als egoistisch handeln lassen. Ein Paradoxum.

Ich begegne auf dem Weg zu meiner Wohnung einem bis zur Unkenntlichkeit eingekleideten Mann mit Hund. Auch sein Hund trägt wärmende Winterkleidung, bei minus 15 Grad aber auch angemessen. Ist der Hund ebenfalls eine Repräsentation von mir? Warum nicht, denke ich, der Hund repräsentiert mein Ich als Hund. Es stehen Büsche an der Straße und hohe, kahle Bäume. Auch sie nehme ich sofort in meine Repräsentantenfamilie auf. Als ich meine Wohnung erreiche und aufschließe, begrüße ich zwei weitere Ichs von mir, meine beiden Katzen. Ihre Repräsentationen haben Hunger, worauf ich natürlich sofort mit dem Öffnen einer Dose antworte, denn meine beiden Katzen-Ichs sollen keinen Hunger leiden.

Ich mache es mir wie geplant gemütlich. Heißer Tee, Kerzen, wärmende Hausschuhe und entspannende Musik. Alle sind zufrieden. Ich muss mein Gedankenspiel fortsetzen, es zwingt mich innerlich geradewegs dazu. Ich frage mich, wie es den anderen Repräsentanten meines Ichs ergeht, sie fühlen sich sicherlich als eigenständige Individuen und nicht als Parallel-Inkarationen von mir? Da wird mir klar, dass dieses Modell nur schlüssig ist, wenn auch ich selbst lediglich eine Repräsentation von irgendwem bin. Aber von wem oder was? Was, denke ich, wenn alles was ist – also das gesamte Universum mit allen seinen Galaxien, Sonnensystemen und Planeten – die Repräsentation eines einzigen Bewusstseins ist – eines Überalles-Bewusstseins? Jeder von uns Einzelrepräsentationen besitzt ebenfalls ein Bewusstsein, sein Ego, aber das ist eben nur das kleine Betriebssystem, quasi ein Unter-Betriebssystem des großen, welches alles erschafft und erfährt, was erfahrbar ist.

Das was wir „Ich“ nennen, existiert somit eigentlich nicht, oder wenn, dann nur virtuell, als Unterprogramm. Unser Ich ist Zuarbeiter. Es hat die Aufgabe, bestimmte Erfahrungen zu machen und sie an das Überalles-Bewusstsein zu übermitteln. Einfach ausgedrückt: Die Kleinen machen die Arbeit und das Boss-Bewusstsein wertet aus und legt die gewonnen Informationen/Erfahrungen ab.

Jetzt stocke ich in meinen Überlegungen. Denn was, wenn das Boss-Bewusstsein ebenfalls nur Zuarbeiter eines Superboss-Bewusstseins ist? Mir raucht der Kopf. Ich nehme einige Schlucke Tee und entspanne mich. Ich lege mich auf den Rücken, was meine sich im Aufsteigen befindliche Kundalini-Energie aktiviert. Mit einem leicht kühlenden Champagner-Prickeln fährt sie durch alle meine Gliedmaßen und Organe – ein angenehmes Gefühl. Es stellt sich augenblicklich innere Ruhe ein, ein selbstindizierter, meditativer Zustand. Meine graue Tigerkatze wartete nur darauf, dass ich mich hinlege, um sich schnurrend dazu zu legen. Ich döse etwas ein, träume sogar einen kurzen, ziemlich schrägen Traum.

Die Kundalini hat jetzt vollen Besitz von mir genommen. Es fühlt sich an, wie eine Schlafparalyse, ist aber keine. Ich strecke mich und alle Symptome sind augenblicklich verschwunden. Die Katze geht woanders schlafen, ich bin ihr ganz offensichtlich zu unruhig. Ich fülle Damiana-Blätter und etwas Weihrauch in meinen Vaproizer und inhaliere die etherischen Öle. Wieder kommt die Kundalini angeschlichen, diesmal vom Kopf abwärts. Aber ganz sanft und vorsichtig, als wolle sie sagen, scheuch mich nicht wieder weg, ich bin auch ganz lieb. Es drängt sich mir die wichtigste aller Fragen auf, was Bewusstsein ist? Ich versuche es mit Worten zu beschreiben, scheitere aber daran, so wie man daran scheitern muss, zu beschreiben, was Liebe ist, oder Gott. Ich versuche es dennoch. Am Ende kommt das dabei heraus:

Bewusstsein ist das sich Gewahrwerden der Existenz“

Ist natürlich geschummelt, denn „gewahrwerden“ und „bewusstwerden“ meint dasselbe. Also hätte ich auch sagen können, „Bewusstsein ist das sich bewusst werden der Existenz“. Es wäre eine Schleife, ein Erklärungs-Perpetuum-Mobile. Ist das erlaubt? Ich erlaube es mir einfach, auch wenn es nicht zufriedenstellend ist. Um Bewusstsein definieren zu können, muss man wiederum Bewusstsein haben, also landet jeder Definitionsversuch zwangsläufig in einer Erklärungs-Schleife.

Vielleicht macht diese Schleife aber dennoch Sinn? Was machen wir denn, wenn wir „bewusst“ sind im Vergleich zum Zustand des Schlafes oder der Bewusstlosigkeit? Wir tun Dinge, die im Rahmen dieses Bewusstseins möglich sind. Somit wird sich unser Wachbewusstsein, nur auf sich selbst gestellt, nie weiterentwickeln, da es immer an seine eigenen Grenzen stößt. Es kommt mir ein weiterer Gedanke. Unser Wachbewusstsein ist also in diesem Dauerloop gefangen, da es konstruktionsbedingt nicht über den eigenen Tellerrand schauen kann, dennoch entwickelt es sich ja weiter? Glücklicherweise gibt es noch die unbewussten Zustände, was mich prompt wieder an das Traumbewusstsein denken lässt. In unseren Träumen überwinden wir alle Bewusstseinsgrenzen. Wir können uns telepathisch unterhalten, Fliegen, gehen durch Wände, materialisieren Dinge, oder lassen sie verschwinden. Auch erfinden wir manchmal Dinge, die wir dann im Wachbewusstsein weiterentwickeln. Neulich z.B. träumte ich die Idee zu einem Kriminalroman. Das Exposé ist bereits fertig, habe ich gleich am nächsten Morgen aufgeschrieben.

Jetzt kommt mir die Idee, warum wir träumen. Wir brauchen diesen Zustand, damit unser Bewusstsein seine Grenzen sprengen und sich weiterentwickeln kann. Und tatsächlich lassen mich gerade die luziden Träume der letzten Jahre die Welt aus einem ganz neuen, erweiterten, Blickwinkel sehen. Ich hatte bis dahin nie die „Realität“ hinterfragt, seitdem ich Klarträume, tue ich das ständig. Denn hat man mal die Hyperrealität eines Klartraumes erlebt, kommt einem das, was wir Realität nennen, wie ein unscharfer, blasser Trübtraum vor. Die Schärfe und die Farben der luziden Träume sind jenseits von allem, was ich täglich in der Wachrealität erlebe. Der Unterschied zwischen Wachrealität und Klartraumrealität ist etwa wie DVD zu Bluray. Definitiv befinden wir uns, zumindest in Klarträumen, in einem erweiterten Bewusstseinszustand, und was einmal erfahren worden ist, kann man nicht mehr rückgängig machen. Welche Rolle Trübträume (also Nicht-Klarträume) spielen, weiß ich noch nicht, aber sie sind allem Anschein nach eine Trainingslektion und somit durchaus ebenfalls bewusstseinserweiternd.

Am Ende kristallisieren sich zwei Theorien heraus:

1) Alles sind wir selbst. Unser Bewusstsein ist Erschaffer dessen, was wir als Realität erleben und gleichzeitig Erschaffer seines eigenen Sein-Zustandes. Bewusstsein erschafft sich also selbst, was zu Erklärungsnot führt.

2) Alles ist Produkt eines Überalles-Bewusstseins (Gott-Prinzip). Dieses erfährt die Welt durch die von ihm erschaffenen Einzelbewusstseine.

Dann gehe ich schlafen. Mein Bewusstsein braucht ein paar Trainingseinheiten 🙂