Mein 3. Ayahuasca-Retreat (Juli 2016)

1. Nacht


Teil 1

Die Wirkung des Yagé’s begann bereits 15-20 Minuten nach der Einnahme. Zunächst die mir bereits bekannten Visionen, also geometrische Elemente, Ornamente, Fontänen, Schlieren, Schlangen (diesmal kunstvoll aus einzelnen Fraktalen zusammengesetzt). Viel Gold, ansonsten überwiegend Rot und Weiß, diesmal kaum Blau und Grün. Auch Schwarz war so gut wie nicht vorhanden. Etwa 1 Stunde nach der Einnahme mußte ich mich heftig übergeben. Anstatt schwarzer, bizarrer Elemente, die ich die letzten Male als meine Dämonen betitelt hatte, waren während des gesamten Reinigungsprozesses die Visionen von comicartigen Pacman oder Gameboy- Elementen besetzt. Auch frech grinsende Clown-Fratzen schienen sich über mein Leiden zu amüsieren. Das Tempo der Visionen zog während des Erbrechens noch an, sodass mir allein davon zusätzlich schlecht wurde. Wahrscheinlich war das sogar der Sinn der Sache.

Während die letzten Male nach dem Reinigungsprozess Erleichterung eintrat, kamen diesmal sehr tiefe, belastende Emotionen auf. Irgendetwas lastet auf mir und das offenbarte sich jetzt in seiner vollen Stärke. Jetzt war mir also nicht nur schlecht, ich litt auch noch tiefe, seelische Schmerzen. Während der körperliche Schmerz durch die Krämpfe beim Erbrechen nachließ, wurde der seelische Schmerz immer heftiger. Ich war wieder in so einer emotionalen Schleife, wie schon in der 2. Zeremonie im April. Ich weiß nicht, wie lange das so ging, da das Zeitgefühl völlig aussetzt. Ich litt, während die inneren Bilder sich gemein und grausam über mich lustig machten, indem sie mir die putzigsten und lustigsten Clownerien vorführten. Irgendwie nicht mein Humor. Ich brach innerlich immer mehr in mir zusammen. Mein Ego schrumpfte zu einer Erbse, bis es nicht mehr da war. In einem Zustand totaler Erschöpfung, betete ich zu Gott, er möge das beenden. Es half nichts. Wäre ich Gott, hätte ich es auch nicht getan, schließlich habe ich mich ja voll bewusst und bei bester geistiger Gesundheit auf diese Reise eingelassen. Da musste ich jetzt durch, das war mir klar.

Völlig am Ende meiner körperlichen und psychischen Kräfte gab ich auf. Ich sagte, wenn der Tod die Erlösung ist, dann lass mich jetzt sterben. Mein Ego existierte eh nicht mehr, mein schweißgebadeter Körper war nicht mehr in der Lage, einen kleinen Finger zu bewegen.

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Im selben Moment, wie ich das dachte, änderte sich alles. Sämtliche Schmerzen wichen, die Visionen wurden harmonisch und freundlich, die Farben Weiß, Gelb und Orange umgeben von zartem Blau. Äußerst kunstvolle Geometrien offenbarten sich mir, dazu ein helles Licht, dass pure Liebe ausstrahlte. Mein Körper löste sich auf. Ich spürte nichts körperliches mehr und war nur noch in Liebe schwebendes Bewusstsein. Das muss der Himmel sein, dachte ich mir. Bin ich gestorben? Egal, es war unglaublich schön und die Liebe um mich herum empfing mich warm und herzlich. Wie aufeinander abgestimmt, fing der Schamane an, auf seiner Mundharmonika zu spielen, was mich in einen völlig losgelösten Glückszustand versetzte.

Ich visualisierte das Wort „Gott“. Als Antwort erhielt ich eine alternierende, kunstvolle Grafik, eine Art Schrein. Dieser Schrein wandelte sich abwechselnd von warmem, herzlichen Orange in dunkles Schwarz mit grauen Schatten, die Form wurde schroffer und stacheliger. Wieder visualisierte ich das Wort „Gott“ und wieder passierte dasselbe. Ein Versuch der Interpretation. Gott ist beides, das Gute und das Schlechte. Er ist komplett die Schöpfung und somit sind Gott, wie ihn die Kirsche definiert, und Teufel zwei Seiten derselben Medaille.

Die Welt ist ein energetischer Zustand, wie eine Batterie, nur dass ihre Energie endlos ist. Die Potentialunterschiede bilden die Zustände, die der Mensch als „gut“ und „böse“ bezeichnet. Mir kam visuell der Vergleich mit einer Zeichnung. Nimmt man einer Bleistiftzeichnung auf weißem Papier die Linien (das Dunkle) weg, hört die Zeichnung auf zu existieren. Genauso ist es mit den dunklen Mächten auf dieser Welt. Wir müssen sie nicht toll finden, aber wir müssen akzeptieren, dass sie Teil der Schöpfung sind, ob uns das passt oder nicht. Schwarze Materie hält das Universum zusammen, schwarze Löcher Galaxien. Jedes Arschloch auf dieser Welt animiert die Nichtarschlöcher dazu, noch mehr Liebe und positive Energie zu geben. Sie zwingen uns quasi dazu, gegen ihren Hass an zu lieben. Mir wurde klar: Die Kirche irrt, sie hat das Prinzip der Dualität nicht verstanden.

Auch wir selber tragen positive Elemente (Liebe) und negative Elemente (Hass, Angst, Argwohn) in uns. Wir haben das zu akzeptieren. Wir bilden jeder selber eine „Batterie“ ein energetisches Wesen. Je höher das eigene Potential (Spannungsunterschied) ist, umso mehr Energie haben wir. Haben wir mehr Liebe in uns, als schlechte Energie, strahlen wir eben diese Liebe an unsere Umgebung ab. Wird unser Potential dagegen durch einen Überfluss an „Schlechtigkeit“ erzeugt, strahlen wir Negativität aus, bis hin zu Hass.

Ich wurde in dieser Nacht neu geboren. Ich fühlte mich wie ein Baby, das Liebe und Zuwendung braucht. Ich umklammerte mein Kissen, welches ich bei den Zeremonien immer dabei habe und fühlte mich beschützt und geborgen.

Der Schamane kam und wedelte mir Rosenduft zu. Ich war wieder auf Erden.

Teil 2

Ich wurde noch nicht aus dem Lernprogramm entlassen. Die Visionen änderten sich, als der Schamane anfing sehr hohe piepsige Töne auf seiner Flöte zu spielen. Mit jedem Piepston wurde ein Spinnenbein vor meinem inneren Auge geboren. Es kamen immer mehr Spinnen in meine innere Bilderwelt. Ich war immer noch das Baby und hatte keine Angst. Sie waren schwarz und spinnig, wie man sie sich als Phobiker (der ich bin) nicht wünscht, aber sie machten mir keine Angst, im Gegenteil. Ich musste schmunzeln, weil ich das Gefühl hatte, er hatte das extra für mich gemacht. Es erschienen dann bunte Spinnen in den Farben Rot, Blau und Schwarz mit etwas Gelb und Weiß. Sehr schöne Exemplare liefen jetzt durch mein Blickfeld. Ich wurde selber zum Schöpfer und ließ die Spinnen Netze weben und Insekten fangen. Ich zoomte ganz nah an sie heran , ließ sie zu Riesenspinnen mutieren und kroch durch sie hindurch – alles ohne Angst.

Als Implikation bekam ich: Die Spinne hält das Universum zusammen. Sie ist selbst ein duales Wesen. Während ihre Form viele fürchten und manchen Menschen Angst macht, finden selbst Spinnenphobiker ihre kunstvollen Netze schön.

Die Musik des Schamanen ist nicht nur zur Unterhaltung da, sondern ein Teil der Heilung. Bestimmte Töne (Disharmonien) verursachten den Wunsch auszuspucken. Mit jedem Spucken visualisierte ich, dass ich meine Spinnenphobie ausspucke. Ich will nicht mehr, dass sie ein Teil von mir ist.

Auf diese Lernepisode folgten nur noch wunderschöne, entspannte Visionen. Sie wurden schwächer und schwächer, auch weil der Schamane aufgehört hatte zu spielen. Eine weitere Tasse wollte ich nicht. Was hätte sie auch gebracht? Noch mehr DMT-Visionen, aber u.U. auch erneutes Erbrechen. Von beidem hatte ich für heute genug. Ich setzte mich ans Feuer und erwartete erschöpft, aber glücklich den Sonnenaufgang. Irgendwann legte ich mich schlafen, es war bereits hell.

2. Nacht

Ich war noch sehr erschöpft von der ersten Nacht, als ich um ca. 21 Uhr das Ayahuasca trank. Ich setzte mich ans Feuer und wartete auf die Wirkung. Die setzte diesmal später ein, als die Nacht davor. Ich legte mich auf meine Matte. Die Visionen waren von Beginn an comicartig und steigerten sich schnell in ihrer Intensität. Sie wurden immer schneller und lebendiger, bunter und bizarrer. Ich hatte das Gefühl, als würden mehrere Gehirne zusammengeschaltet und ihren visuellen Output in mein Hirn projizieren – extrem intensiv. Ich war sehr gestresst von den intensiven Visionen. Ich versuchte die Augen zu öffnen, was mir aber kaum gelang. Sobald ich sie auch nur einen Spalt offen hatte, fielen sie wieder zu – sie waren wie Blei. Ich konnte auch meine Arme kaum bewegen, war irgendwie teilparalysiert. Es gelang mir dann aber doch, die Augen mit den Fingern offen zu halten, um wenigstens wieder ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Mit offenen Augen sieht bei mir ja trotz Ayahuasca die Welt so aus, wie sie aussieht.

Mir wurde dann schlecht und ich erbrach mehrmals. Danach wurden die Bilder schwächer und harmonischer, was mir eine Phase der Entspannung einbrachte. Seelischen Schmerz hatte ich die zweite Nacht zum Glück keinen, aber ich hatte Ayahuasca auch gebeten, mild mit mir zu sein. Fragen hatte ich ebenfalls keine. Alle dringenden Fragen wurden ja auch bereits in der ersten Nacht beantwortet. Meine Einfallslosigkeit wurde mir bewusst. Ich empfand es geradezu als Frevel, das Juwel Ayahuasca nur für Visionen und bunte Bilder zu missbrauchen.

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Dann spielte mir mein Unterbewusstsein einen fiesen Streich, der bis in die Morgenstunden anhielt. Alle Visionen waren mit einem Rahmen umgeben, wie ein Bildschirm.

Statt Visionen schaute ich quasi Kino. Jetzt konnte ich selbst die Visionen nicht mehr genießen. Kotzen und Leiden, nur um YouTube Videos zu sehen, das frustrierte mich. Es folgte eine Art Halbschlaf. Die Träume waren bunt und völlig wirre, wie Fieberträume. Ich musste Dinge sortieren und aberwitzige Aufgaben lösen. Dann wurde ich wieder wach. Der Rahmen um die Visionen war jetzt ein Computerbildschirm und mitten in einer Visionen poppte eine Warnung auf – ein Fenster mit einem gelben Ausrufezeichen – Error. Jetzt war ich völlig genervt. Was für eine verschwendete Nacht. Ich schlief irgendwann richtig ein. An Träume kann ich mich nicht erinnern.