Woher kommt die Propaganda im Mainstream?

Bei den nachfolgend aufgeführten Textpassagen handelt es sich ausnahmslos um Zitate aus dem Original.

Ich habe der besseren Lesbarkeit wegen die Quotation Marks weggelassen. Ich persönlich kenne den Medienbetrieb durch 25 Jahre Arbeit bei einem öffentlich-rechtlichen TV-Sender internationaler Ausrichtung. Vieles aus dem Erfahrungsbericht kenne ich von redaktionellen Kollegen ähnlich, leider sind auch beim Fernsehen die meisten Journalisten reine Agenturabschreiber. Tatsächlich recherchiert wird bei uns von den Journalisten der Abteilung Dokumentation, Sport und Kultur – in der Nachrichtenredaktion hingegen macht sich niemand mehr die Arbeit. Es wird blind das Material der Agenturen übernommen, zum Teil wörtlich.

Copy-Paste-Journalismus – jeder dressierte Affe könnte das.

Man kann sagen, dass der Mainstream zum reinen Propagandatool für Wirtschaft, Industrie und Politik verkommen ist. Die wollen dumme Schlafschafe, die keine Fragen stellen, brav konsumieren und gehorsam sind. Deshalb hat auch nur der Typ Journalist beim Mainstream eine Chance, der diese Haltung lebt. Ich habe ich den 25 Jahren, die ich jetzt für die ÖR arbeite, viele Journalisten kommen und gehen sehen. Die, die gingen, waren meist die Besten.

Meine tägliche Propaganda gib mir heute

Auszug aus dem Erfahrungsbericht eines Journalisten

(…) = Auslassungen

Entscheide ohne Verantwortung
Die Entscheidungsprozesse, die zum jeweiligen Fokus und zur Gewichtung von Berichten führen, erscheinen für einzelne Journalisten vielfach beliebig und oft ist unklar, wie sie zustande kamen. Doch die Entscheide basieren auf einer klaren Wertehaltung, die viele Perspektiven ausblendet, sowie einer Quellenlage, die sehr selektiv ist. Verantwortlich für die Entscheide und ihre Konsequenzen fühlt sich sowieso niemand – der Chefredaktor übernimmt bei Beschwerden oder Klagen die Verantwortung aufgrund seiner Funktion. Dieses Fahrlässige, dieses Diffuse und Beliebige habe ich immer als Wursterei empfunden. Doch die Würste, die herauskamen, waren immer sehr normiert – konform mit einer Weltanschauung, wo schon immer klar ist, wer der Gute und wer der Böse ist. Schliesslich stammen die Quellen, wenn man sich das genau überlegt, vor allem von der „guten“ Seite.
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Fehlerhafte Berichterstattung hat (…) selten Konsequenzen – höchstens ein Korrigendum.
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Das Grundproblem des Mainstream-Journalismus ist nicht, dass er bewusst einer Ideologie folgt oder bewusst eine Weltanschauung vertritt, sondern vielmehr seine Beliebigkeit, sein vorauseilender Gehorsam und die Selbstzensur, der wichtige Fragen und Quellen entgehen. Die Tunnel-Perspektive ist selbstauferlegt.
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Medienhäuser: Mehr oder weniger Angst
Nirgends war das Klima der Angst grösser und expliziter als beim grössten privaten Medienhaus der Schweiz. Die Angst vor der nächsten Sparrunde, Umstrukturierung, vor dem unerwarteten Seitenhieb in der Blattkritik. Immerhin gibt es die interne Blattkritik noch, aber sie hat oftmals wenig mit Qualitätsgarantie zu tun – sie dient eher als Führungsinstrument, um aufzubauen und abzuschiessen. Die Journalisten sind in, out oder toleriert.

Wer out ist, wird selten entlassen, sondern im Plenum abgekanzelt oder ignoriert – aber nie so systematisch, dass es offensichtlich ist für die Mehrheit. Meistens setzt sich niemand für die Attackierten ein. Die meisten sind froh, dass sie nicht selbst an der Reihe sind.
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Auch die Unternehmens-Interessenpolitik (des zweitgrößten Schweizer Medienhauses) ist gnadenlos: In der Wirtschaft sind die Freunde des Konzernchefs publizistisch penetrant begleitet worden. Hochgeschrieben werden mussten wegen „oben“ gewisse Mode- und Uhrenfirmen befreundeter Unternehmer. Auch einige Banken- und Pharma-Chefs erhielten aus demselben Grund immer wieder einen prominenten Platz.

In der News-Abteilung des öffentlichen Rundfunks dominiert die Angst der Leiter, zu „links“ oder angreifbar zu sein. Darum sind die News immer ein Mitschnitt von allem – nicht mehrheitsfähige Beiträge kommen nicht auf den Sender.
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Journalismus zwischen Chaos und System
Man kann der breiten Palette der Journalisten und Journalistinnen vieles vorwerfen. Aber, wenn sie merken würden, dass sie offensichtlich gesteuert würden oder einem vorgegebenen Narrativ folgen müssten, dann hätten wohl viele genügend Rückgrat und Know-how, um sich zu widersetzen.

Dass sie bereits Teil eines bestimmten Narrativs sind und gewisse Denkmuster verinnerlicht haben, dieses Bewusstsein fehlt jedoch weitgehend.

Das ist besonders auffällig in der Auslandberichterstattung. Dort herrscht die US-EU dominierte Sicht- und Erklärweise der Weltereignisse vor.”
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Aber schon die Selektion der Korrespondenten – sie müssen sich meistens auf der Redaktion bewiesen haben – setzt der Offenheit gegenüber anderen Perspektiven Grenzen.

Das Hauptproblem der Auslandleiter sind nicht Korrespondenten, die zu „faul“ sind, um ausserhalb des Büros zu recherchieren. Viel einschneidender ist, dass Auslandressorts zusehends an Bedeutung verlieren und ihre Mittel reduziert werden.
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Die Frage, was „zwingend“ ist, ist ein Thema für sich. Meistens sind Berichte, die an ein Grossereignis (Anschlag, Wahlen) geknüpft sind, zwingender als Berichte, die inhaltlich oder journalistisch überragend sind. Vor diesem Hintergrund haben es Berichte mit eigenständigen Perspektiven oder solche, die nicht die „zwingenden Erwartungen“ erfüllen, schwierig.
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Auch die Inland/Politik-Ressorts sind voller „zwingender“ Ereignisse (Wahlen, Parlaments- und Bundesratsentscheide, Naturereignisse). Allerdings wird der News- und Primeur-Charakter ebenfalls stark gewichtet.
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Berichte oder Interviews beispielsweise, die von Nachrichtenagenturen und der Konkurrenz nachgezogen, d.h. übernommen, werden, sind per se gut – weil das Werbung in eigener Sache ist.
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Ein Primeur, der einen „Nachzug“ generiert, kann ein sehr breit und tief recherchierter Bericht sein, der etwas wirklich Neues, Relevantes zu Tage fördert.
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Meistens werden solche Deus-Ex-Machina-News in grossen Redaktionssitzungen auch nicht präsentiert, geschweige denn zur Diskussion gestellt. Hinterfragen kann der Einzeljournalist so erhaltene Stories schon, aber gemäss meiner Erfahrung sind solche „Exklusiv-News“ gesetzt, Fragen werden ignoriert.
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Wo PR anfängt – diese Grenze ist flexibel. Wenn ein schwer erreichbarer Konzernchef einem Ressortleiter oder Chefredaktor ein Interview geben will, dann fühlen sich die Auserwählten geadelt. Auf führende Finanzblätter gehen die Wirtschaftsleader bzw. ihre Sprecher direkt zu – natürlich nur dann, wenn sie etwas platzieren möchten. Bei anderen Medien waren es über die Jahre vermehrt die Verlagschefs, die Interviews vermittelten. Bei manchen Verlagen sitzen die Vertreter von Banken und Konzernen bereits im Verwaltungsrat.

Es ist nicht so, dass sich die für die Interviews auserwählten Journalisten zensurieren liessen – sie kämpfen auch für Aussagen, die die Kommunikationsabteilungen im Nachhinein streichen möchten. Doch es kommt ihnen gar nicht in den Sinn, gewisse Fragen zu stellen.

Die Steuerung der Journalisten ist so subtil, dass viele den Vorwurf nicht ernstnehmen könnten, dass sie auf vielen Ebenen manipuliert oder zumindest eingeschränkt sind.

Woher kommen die Stories und wieso werden sie publiziert
Grob geschätzt sind die Themen bei über Dreiviertel der Berichte in Online- und Tagespublikationen durch aktuelle, äussere Ereignisse/Mitteilungen initiiert bzw. beeinflusst worden. Die Nachrichten­agenturen sind weitgehend reaktiv organisiert. Wenn also eine Mitteilung, Medien­konferenz etc. hereinkommt, dann kommt auch ein Bericht raus, Eigenständiges hat zweite Priorität.
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Da Ausland-News vor allem von amerikanischen, deutschen, englischen und französischen Agenturen (AP, Reuters, AFP, DPA und Schweizer Partnerin SDA) in die Redaktionen und an die Korrespondenten fliessen, ist die Grösse, Nähe etc. aus der Sicht dieser Staaten definiert.

Auch für kleinere Ereignisse gibt es klare Kriterien, oft werden sie aber nicht klar ausgesprochen. Bei etlichen Tages- und Wochenzeitungen habe ich zudem erlebt, dass auf grosse Inserenten Rücksicht genommen wurde, indem man freundliche Texte verfasste und Kritik blockierte.
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Abläufe auf der Redaktion
Die vorbereitenden Redaktionssitzungen sind oft nach grossen aktuellen Metathemen und den Stories aus den Ressorts aufgebaut. Der Vorgang ist wie auf einem Bazar, wo die Ressortleiter die einzelnen Ideen auf den Markt werfen.
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Darüber, was Schwerpunktthemen sein können, herrscht weitgehend Konsens. Bei der Gewichtung ist Relevanz, Einschaltquote (Promis, Kontroverse, Ausland ist meistens zu weit weg von den Leuten) ausschlaggebend, weniger die Ausgewogenheit der Story. Es kommt regelmässig vor, dass Stories während der Recherche von Konkurrenten „abgetischt“ werden, und deshalb gekippt werden.
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Oft wechseln die Prioritäten jedoch, weil der Chefredaktor plötzlich etwas anderes wichtiger findet. Beispielsweise eine Story, auf die er selbst gekommen ist. Transparenz über solche Entscheide oder klare Kriterien gibt es nicht.
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Die Stories der sogenannten Recherche-Desks, Investigativteams und Autorenpools müssen selten um Platz oder Zeit kämpfen. Sie sind auch selten an die Aktualität gebunden. Seit einigen Jahren sind diese Teams Prestigeprojekte der Verleger. Sie erhalten mehr Mittel und Datenspezialisten.
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Die Förderung und die internationale Kräftekonzentration von Investigativ-Journalismus wäre eigentlich ein guter Ansatz zur Qualitätssteigerung. Leider führen die Produkte auch zu einer internationalen Gleichschaltung der Stories.
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Es gibt verschiedene Strategien: Journalisten, die wenig selbst entwickeln, aber Ideen/Inputs der Chefs ausführen, können am ehesten mit prominenter Platzierung rechnen – Absatzgarantie. Was in der eigenen Kompetenz der Journalisten ist, und was vorgegeben ist, ist also sehr individuell.
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Deutlich weniger gefragt als bei den Printmedien sind eigene Ideen beim Fernsehen.
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Beim TV gibt es mehr handwerkliche Gründe als anderswo, wieso sich erste Story-Ideen nicht umsetzen lassen (z.B. visuell unattraktiv). Der eigene Gestaltungsspielraum der TV-Journalisten ist deutlich geringer als bei den Print-Journalisten.
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Deutungsmuster
Die Einordnung von Ereignissen und Entwicklungen geschieht in den Massenmedien nicht mit einem verbindlichen Deutungsmuster – weil es ohne verbindliche Haltung (siehe oben) auch kein Deutungs­muster geben kann.

Nichtsdestotrotz herrschen aufgrund der Quellenlage bestimmte Denkstrassen vor, von denen der einzelne zwar abweichen kann, aber nur ab und zu, nie systematisch. Bei internationalen Konflikten wie in der Ukraine oder Syrien dominiert die Sicht der USA. Bei Terroranschlägen dasselbe.

Woher Propaganda kommt
Es besteht keinerlei Bereitschaft/Anlass, die bestehenden Feindbilder zu hinterfragen. Aufgrund der Verarbeitung der Informationsflut, vor allem aus dem Ausland (Agenturen), bleibt keine Zeit für Grundsätzliches. Für Auslandressortleiter ist das Briefing und Updating der Korrespondenten teilweise sehr aufwändig. Ein langjähriger US-Korrespondent z.B. brauchte stundenlanges Zureden, damit er das Büro verliess, um in der Realität zu recherchieren.

Während der Ukrainekrise waren zwar Interviews und Artikel aus russischer Sicht erlaubt, sie gingen aber in der Konsensmeinung unter. Und sowieso glaubt man die Sicht der anderen Seite immer schon zu kennen, da muss man nicht noch tiefer gehen. Der Propaganda wird nur die „böse“ Seite bezichtigt.

Zur Gleichschaltung bei den Quellen und Perspektiven tragen auch die neuen internationalen Netzwerke bei. So druckte das grösste Schweizer Medienhaus unter anderem Auslandberichte der Welt/Welt am Sonntag ab, heute werden vornehmlich Berichte aus der Süddeutschen in der Schweiz zweitverwertet.

Über legitime Quellen herrscht weitgehend Konsens
Neben den handelsüblichen Quellen, den Agenturen und nationalen Konkurrenzmedien/-portalen, gehen Journalisten Auskunftsquellen auch direkt an. Es zählt: Wer bringt News und Klicks (Prominenz, knackige Aussagen).
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Die Wahl weniger bekannter Quellen muss begründet werden. Öfters basieren Stories auf anonymen Quellen. Diese werden aber im Normalfall sauber geprüft, bei heiklen Aussagen gibt es Doppelchecks.

Bei den sozialen Medien ist Twitter als Quelle sehr verbreitet. Allerdings ist der Twitter-Kreis, dem einzelne Journalisten in Mainstreammedien folgen, ziemlich eng – man folgt den anderen in der Branche und den Twitter-Kanälen von Mainstreammedien. Zum Teil sind die Gefolgten deckungsgleich – Journalisten mit originellen Twitter-Quellen sind rar. Twitter wird auch zum Werben für die eigenen Publikationen genutzt. Man folgt, wer einem folgt – de facto ist das ein geschlossener Kreis.
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Die eigenen Korrespondenten-Netzwerke der Zeitungen sind die letzten Jahre massiv geschrumpft – eine versiegende Quelle. Die Korrespondenten-Artikel gelten oft als Manövriermasse, wenn es ums Sparen geht. «Wir können auch die Agentur nehmen…», heisst es dann. Korrespondenten, die Publikationen oder Aufträge der Redaktion hinterfragen, sind rar – wer sägt schon am dünnen Ast, auf dem er sitzt.
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In der Auslands- bzw. Wirtschaftsberichterstattung werden Spiegel-Online, Die Welt, Die Süddeutsche, die Financial Times, der Economist, der Guardian, die New York Times, und das Wall Street Journal konsultiert. Systematisch bearbeitet werden diese internationalen Medien in erster Linie von Chefredaktoren und Ressortleitern. Da geht es nicht nur um das Informieren, sondern auch um das Inspirieren bzw. Kopieren.
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Um manche Quellen müssen sich Journalisten nicht selber bemühen, sie kommen von selbst. Bei wirtschaftlichen Ereignissen kommt es öfters vor, dass PR-Agenturen der jeweiligen Akteure die Medien füttern. Ihre eigenen Interessen vertreten auch Verwaltungsräte, die off-the-record Informationen an Journalisten weitergeben.
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Welche Quellen tabu sind
Oft sind Quellen auch nur „die üblichen Verdächtigen“ – man klappert diejenigen ab, die man schon immer abgeklappert hat. Daher gleichen sich die Berichte zwischen den Medien auch sehr. Eine Art rote Linie gibt es für den Platz, den man einräumt. Den meisten Platz erhalten nicht die Systemkritiker, sondern jene, die die Allgemeinmeinung nicht zu fest angreifen.
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Klare Hierarchien trotz Kumpelhaftigkeit
Die Hierarchien spielen auf manchen Redaktionen eine sehr starke Rolle. Auch wenn sich die Vorgesetzten sehr offen geben: Entscheide von Ressortleitern, geschweige denn von Chefredaktoren werden kaum hinterfragt. In allen Medien machen Blattmacher, Art Directors und Ressortleiter mitunter die meiste Vorarbeit, können konträre Ansichten aber nicht gegen den Chefredaktor und seine ein bis zwei loyalen Mitarbeiter (z.B. Stellvertreter) durchsetzen – sofern sie nicht sowieso nur den Chefredaktor bestätigen. Oft setzen die unteren Kaderstufen die Wünsche ihrer Chefs härter durch als ihre Vorgesetzten es selbst würden (vorauseilender Gehorsam, absolute Loyalität in der Hierarchie). Ein echtes internes Korrektiv ist inzwischen die Ausnahme.
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Wer einmal im Journalismus “gelandet ist”, braucht ein gutes Netzwerk und einen guten Ruf. Die Leistung ist nicht mehr so wichtig, mehr zählt, “wer passt”. Chefredaktoren stellen viele ihrer Ex-Kollegen an – der Kuchen der erfahrenen Journalisten ist relativ klein.

Kaderpositionen gehen nicht unbedingt an die besten Schreiber, sondern an jene, die zwar gut sind, aber wenig polarisieren. Wer den Ressortleitern und Chefredaktoren inhaltlich zu stark widerspricht, fördert seine Aufstiegschancen nicht. Wer “gefällt” hat es einfacher aufzusteigen. Chefredaktoren machen in der Blattkritik und in Sitzungen etwas „verpackt“ klar, was sie mochten und was nicht.
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Endzeitstimmung
Der Arbeitsdruck und die Angst vor Jobverlust auf den Redaktionen sind überragend. (…) Die Vorgabe, mehr zu sparen, ist bei den führenden Schweizer Medienhäusern seit zwei Jahrzehnten omnipräsent. Manche Redaktionen sind bereits sehr ausgedünnt. Zehn- bis zwölfstündige Arbeitstage gelten als normal. Die Überzeit aufschreiben können Journalisten in den Printmedien selten.
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Das Sparen hat Folgen: Selbst Chefredaktoren und Ressortleiter, die Mehrwert liefern wollen, müssen sich mit dem reinen Abfüllen von Seiten mit Agenturen oder second class Stories zufrieden geben. Erfahrene Journalisten versuchen first class stories mit möglichst wenig Aufwand vorzuschlagen. Man weiss, was zieht – wieso vom Bewährten abrücken?
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Wer die Überzeugung hat, mit Journalismus etwas bewirken zu können, ist sehr jung, oder wird ausgelacht von der Mehrheit.
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Abgesehen von Einzelfällen tun sich Journalisten kaum mit festen Überzeugungen hervor: Man ist für alles offen, suspekt ist, wer eine Haltung hat und konsequent aus dieser Haltung berichtet. Die Journalisten mit einer konsequenten Weltanschauung sind rar. So wie man persönlich bei niemandem anecken will, zeigt man auch journalistisch keine Kanten, womit man polarisieren könnte.

Hinter den Kulissen verstehen die Verlage ihre öffentlichen Medien immer noch als «vierte Gewalt» im Staat. Aber sie wissen wohl selbst, dass sie diese Schritt um Schritt entmachten – mit ihren Sparstrategien, dem Abbau der Vielfalt etwa durch vereinheitlichte Mantelredaktionen und ihrer Orientierungslosigkeit.
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Fazit
Es ist nicht so, dass es vor 20 bis 30 Jahren auf den Redaktionsstuben keine Selbstzensur, Gleich­schaltung, vorauseilenden Gehorsam und Tunnelblick gegeben hätte. Doch die Rahmen­bedingungen in den heutigen „Redaktions­fabriken“ der Mainstream-Medien fördern geradezu den ideologielosen, opportunistischen, Klick-orientierten Journalismus, dem die wichtigen Fragen entgleiten.

Es ist leider ein Journalismus, der durch die Röhre guckt. Eine geförderte, aber dennoch freiwillige Beschränkung der Perspektive bedroht die Unabhängigkeit der vierten Gewalt mehr denn je.

Der Autor ist Schweizer Journalist.

Passendes Video zu dem Thema, vom Wiener RPP-Institut: